Toxisch männlich
- Lynn Blattmann
- 27. März
- 3 Min. Lesezeit

Im Moment erscheint plötzlich alles aufgeladen von einer unanständigen, disruptiven Männlichkeit, die sich an keine Regeln und Abmachungen hält. Täglich werden wir überrollt von neuen Ungeheuerlichkeiten aus den Hirnen dieser übergriffigen, respektunfähigen Herren aus der Politik und der Techindustrie, die sich laufend mehr aufzuplustern scheinen. Ist das jetzt die Zukunft oder einfach nur eine Episode oder Entgleisung? Was geschieht hier gerade?
Es geht nicht um Männlichkeit, sondern um Verunsicherung
Um dieses so seltsam unzivilisierte Phänomen verstehen zu können, müssten wir etwas in die Geschichte der Geschlechterverhältnisse zurückschauen. Da hat sich nämlich in den vergangenen Jahrzehnten einiges getan, allerdings waren die Entwicklungen nicht gleich auf die Männer wie auf die Frauen verteilt. Während sich die Frauen bereits in den zwanziger Jahren und dann verstärkt nach dem zweiten Weltkrieg buchstäblich die Hosen erobert haben und sich an bislang männlich konnotierten Kleidungsstücken, Berufen und Rollen bedient haben und auch mit den damit verbundenen Symbolen gespielt haben und sich einige davon auch selbstverständlich angeeignet haben, blieben die Männer abgesehen von einer Phase mit deutlich längeren Haaren in den 70er Jahren äusserlich und innerlich weniger verändert. Männlichkeit ist bis heute eine äusserst fragile und daher leicht zu verunsichernde Vorstellung geblieben. Männlichkeit obliegt deshalb bis heute einem viel engeren Normierungszwang als Weiblichkeit. Anders ist nicht zu erklären, dass Selenskis Outfit bei seinem Besuch im Weissen Haus eine derartige Aufregung und Ablehnung verursacht hat. Er hat ja nicht etwa einen Wickeljupe getragen, sondern eine schwarze hochgeschlossene dezente Kleidung, einfach ohne Krawatte und Hemd.
Dabei ist wahre Männlichkeit so viel mehr, als die Karikatur davon, die uns heute in der Tagesschau jeden Tag geboten wird. Zum Spektrum der Männlichkeit gehört auch Väterlichkeit, Ritterlichkeit, Selbstlosigkeit, Respekt, oder Kampfbereitschaft für höhere Ziele. Stattdessen erleben wir heute Respektunfähigkeit, Beziehungsunfähigkeit und ein atemberaubend rüpelhaftes Verhalten.
Männer, wehrt Euch! Was da jetzt in den Vordergrund gespielt wird ist doch nicht das, was das starke Geschlecht auf unserer Welt ausmacht! Wo sind die auch innerlich starken unabhängigen mutigen und wirklich innovativen Männer geblieben, die besonnenen, vernünftigen menschlichen Männer? Die Staatsmänner?
Es mag sein, dass der plötzliche Hype einer in der modernen Welt längst überwunden geblaubten Trümmermännlichkeit letztendlich auf eine Verunsicherung zurückzuführen ist. Es ist möglich, dass die Bestrebungen um mehr Geschlechtergerechtigkeit und Inklusion bei denen Funken schlägt, die glauben, eine geschlechtlich binäre Weltordnung sei der Vorhof zum Paradies, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass sie eigentlich Angst haben. Angst vor einer freien, diversen, offenen und inklusiven Welt, in der sie nicht mehr die Leitfiguren sind.
Die reale Welt ist anders
Ja, ich glaube, dass wir im Moment nicht die Brave New World sehen, wenn wir die Tagesschau schauen oder Zeitung lesen, sondern das Aufbäumen von Männern in der Sackgasse, die wie Fünfjährige Institutionen kurz und klein schlagen und von einer Welt träumen, in der es keine Demokratie, keine Checks und Balances und keine anderen gibt, sondern nur sie, great again.
Wir sollten aufhören, den menschlich kurzgewachsenen Typen nur entsetzt zuzuschauen, und uns nicht mehr hilflos und gelähmt fühlen. Wir sollten ihnen zeigen, was moderne erwachsene Menschlichkeit und Demokratie bedeutet, wir sollten über Fairness reden und den aus dem Ruder gelaufenen Bros den Platz zuweisen, der ihnen gebührt. Rechts aussen, neben der realen Welt. Wir haben jetzt anderes zu tun, als ihnen zuzuschauen und uns Sorgen zu machen, wir müssen CO2 neutraler werden, neue Wege beschreiten, neue Technologien zum Wohl der Menschen einsetzen und vorallem unsere Demokratien schützen und stärken. Wir müssen wie Erwachsene miteinander reden und vernünftige Lösungen finden, das ist etwas, was erwachsene Männer und Frauen eigentlich gut können. Zum Glück sind wir noch die Mehrheit.
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